Lichtbringer

Anarchismen mit Adjektiven

Der Anarchismus wird oft und mit viel ahistorischem Wagemut in eine individualistische und eine soziale Strömung geteilt. Ahistorisch, weil es wenigstens doppelt so viele klar unterscheidbare Strömungen gibt – alle mit ihren mal eher sozialen, mal eher individualistischen Ausformungen, Ablegern und Amalgamen, die wiederum mit ihren mal eher sozialen, mal eher individualistischen Ausformungen, Ablegern und Amalgamen. Wagemutig, weil man, derart vereinfachend, wohl die glühende Individualistin Emma Goldman ins soziale Lager stecken müßte (weil sie außerdem Kommunistin war) und den revolutionären Syndikalisten Dyer Lum ins individualistische (weil er außerdem Laissez-faire-Mutualist war).

Der individualistische Anarchismus liegt mir am Herzen, schon weil er eine wesentliche Rolle in meiner eigenen weltanschaulichen Evolution spielte. Die Ideen und Beiträge so vieler seiner Vertreter – heißblütige Freiheitsliebhaber wie Émile Armand oder John Henry Mackay – sind ein Gewinn für jeden libertären Geist, einerlei, wo er sich in etwa ökonomischen Fragen verortet sieht. Neben dem inspirierenden Bonmot da und dort, dürfte dem individualistischen Anarchismus aber auch die eine oder andere Lektion für die direkte praktische Anwendung zum Beispiel in der antikapitalistischen Co-op-Bewegung zu entnehmen sein.

In der Hoffnung, mit einer Reihe ärgerlicher alter Vorurteile aufzuräumen, also ein paar Absätze zu individualistischem Anarchismus, sozialem Anarchismus sowie tatsächlichen und eingebildeten Unterschieden, Widersprüchen und Gemeinsamkeiten der beiden.

Was ist sozialer, was individualistischer Anarchismus?

Diese Art von Freiheit ist kein Geschenk: sie ist das Naturrecht des Menschen, jedes menschlichen Wesens. […] Rebellion und Revolution sind mehr oder weniger bewußte Versuche, sie zu erreichen. Diese Äußerungen, individuell wie sozial, sind in ihrem Wesen Ausdruck der Werte des Menschen. Damit diese Werte gedeihen, muß die Gesellschaft anerkennen, daß ihr größter und beständigster Trumpf die Grundeinheit ist – das Individuum.

Emma Goldman, Das Individuum, die Gesellschaft und der Staat

Zunächst einmal hätten sich beide Ausdrücke ironisierende Anführungszeichen verdient. Anarchismus ist dem Begriffsinhalt nach nur dann Anarchismus, wenn er wesentlich dies enthält: das größtmögliche Maß an Freiheit des Einzelnen unter Achtung der Freiheit aller anderen. Und bereits in dieser kürzest möglichen Definition des Anarchismus steckt zu gleichen Teilen das individualistische (Freiheit des Einzelnen) als auch das soziale Element (Freiheit der Anderen). Anarchismus kann je weder nackten Sozialdarwinismus noch die Diktatur der Massen bedeuten, sondern ist in Hinblick auf das maximale Entfaltungspotential für das Individuum notwendig sowohl individualistisch als auch sozial.

Die Vorstellungen innerhalb der verschiedenen Strömungen, anhand derer diese (meist wertende) Unterscheidung in „soziale“ und „individualistische“ Anarchismen trotzdem oft gemacht wird, gründet vor allem in zweierlei:

Erstens in der Vorstellung davon, wie Staat und Kapitalismus überwunden, die herrschaftsfreie Gesellschaft realisiert werden soll. Soziale Anarchisten – heute vor allem Kommunisten, historisch auch Kollektivisten und eine Handvoll Mutualisten – gehen mehrheitlich davon aus, daß die Befreiung der Menschen von Staat und Kapital nur durch soziale Mittel erfolgen kann. In anderen Worten: die revolutionäre Übernahme der Institutionen menschlichen Zusammenlebens durch die Betroffenen selbst, um sie horizontal neu zu strukturieren oder, wo nicht gebraucht, abzuschaffen. Individualistische Anarchisten lehnen revolutionäre Mittel ab oder betrachten sie wenigstens als unnötig und schlagen statt dessen die Gründung alternativer Institutionen innerhalb vorhandener gesellschaftlicher Strukturen vor. Mit der Zeit würden diese alternativen Institutionen auf natürliche Weise wachsen, die bestehenden ersetzen und schließlich das System insgesamt überflüssig machen – nicht ohne Ironie ganz im Sinne der alten IWW-Losung: Die neue Welt in der Hülle der alten errichten.

Zweitens darin, wie die freie Gesellschaft, einmal verwirklicht, organisiert werden soll, damit keine neuen Herrschaftsstrukturen erstehen. In der Wirtschaft, d. h. in Fragen von Produktion und Verteilung der Dinge, die wir zum Leben oder zur Verbesserung desselben benötigen, lehnen soziale Anarchisten i. d. R. Marktsysteme ab, weil Märkte für sie stets zur Konzentration von Macht führen, Machtkonzentrationen Klassenstrukturen erzeugen und Klassenstrukturen in Institutionen zu gerinnen neigen, die eben diese Gefüge gewaltsam perpetuieren und weiter vertiefen – in Staaten, namentlich. Die Individualisten sehen Märkte weniger kritisch, sehen im freien Markt tatsächlich die Lösung für die meisten sozialen Probleme.

Ist das alles grob vereinfachend? Und ob. In diesem Zusammenhang reicht es aber, und tatsächlich ist grobe Vereinfachung beinahe nötig, um die Vorstellungen, die die Vertreter der verschiedenen anarchistischen Strömungen voneinander hatten und zum Teil noch immer haben, wirklichkeitsnah wiederzugeben.

Der alte Konflikt und warum er noch relevant ist.

Der Streit Individualismus vs. Kommunismus im Anarchismus ist tatsächlich ein alter. Er fand seinen Höhepunkt irgendwann Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. So recht zueinanderfinden konnte man nie, und der ganze Zwist endete wohl nur, weil mit der Zeit eine der beiden Parteien verstummte: Der individualistische Anarchismus – konkret: die anarchistische Strömung, die sich an den Ideen v. a. des Amerikaners Benjamin Tucker orientierte – scheiterte daran, im Zuge der fortschreitenden Industriellen Revolution zufriedenstellende Antworten auf die Soziale Frage und die Herausforderungen eines sich rapide konzentrierenden Kapitals zu finden und verlor seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kontinuierlich an Bedeutung. Und obwohl es gerade eine kleine Renaissance individualistisch-anarchistischer Inhalte zu geben scheint, personifiziert zum Beispiel im lesenswerten Kevin Carson, sind ihre politischen Ideen in der zeitgenössischen libertären Bewegung kaum noch relevant.

Fragt sich dann, warum der alte Streit es noch sein sollte.

Zu einen, weil Elemente des individualistischen Anarchismus, wie schon gesagt, ein Gewinn für uns alle sein können. Und da sich die Vorurteile der frühen libertären Kommunisten beharrlich halten, beim Tuckerschen Individualismus handele es sich um eine Art Kapitalismus mit sozialem Hut, ist das Interesse unter libertären Zeitgenossen sicherlich geringer als es das in Kenntnis seiner tatsächlichen Inhalte wäre. Das Aufkommen des „Anarcho“-Kapitalismus und die absurden Bemühungen seiner Anhänger, sich eine theoretische Nähe zu den individualistischen Anarchisten herbeizulügen, die über oberflächliche Dinge wie die Gewogenheit gegenüber Märkten hinausgeht, sind der Popularität des individualistischen Anarchismus in genuin libertären Kreisen sicher auch nicht zuträglich. Andererseits herrscht unter „Anarcho“-Kapitalisten ein derart groteskes Zerrbild vom libertären Kommunismus vor, daß es immerhin den Wohlmeinenderen unter seinen Vertretern kaum zum Vorwurf gemacht werden kann, ihn abzulehnen. Ein Zerrbild, das nicht zuletzt von den individualistischen Anarchisten mitgeprägt worden ist! Es kann also keiner Seite schaden, sich den alten Streit einmal anzuschauen und den Gehalt dessen zu prüfen, was ihm zugrundeliegt.

Außer Frage steht, daß beide großen Strömungen, sozialer und individualistischer Anarchismus, sich die wesentlichen Inhalte teilen: Ablehnung von Staat und Kapitalismus, den Willen zur Schaffung einer egalitären und freien Gesellschaft, in der niemand beherrscht und niemand ausgebeutet wird. Bereits in der Hochzeit des individualistischen Anarchismus Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts – also ein halbes Jahrhundert, bevor der erste wohlhabende weiße Mann sich mit der Selbstbezeichnung „Anarcho-Kapitalist“ zum Gespött machte – gründete der Streit zwischen den Strömungen vor allem auf Mißverständnissen, die sich u. a. aus (bis heute) inkonsistenter Terminologie ergaben. Der Begründer bzw. wichtigste Theoretiker des individualistischen Anarchismus Benjamin Tucker unterstellte den kommunistischen Anarchisten – schon damals die dominante Strömung –, dem Individuum seinen erarbeiteten Besitz streitig machen und ihm den Kommunismus aufzwingen zu wollten. Nicht alle individualistischen Anarchisten sprachen ihren kommunistischen Genossen gleich das Anarchistsein ab, aber die meisten sahen schwer zu überbrückende Unterschiede. Auf der kommunistischen Seite schimpfte man derweil den Tuckerismus einen bourgeoisen Anarchismus und warf den Individualisten vor, den sozialen Kampf abzulehnen und autoritäre Strukturen wie die Lohnarbeit und das Privateigentum gutzuheißen.

Waren die Individualisten „bourgeoise“ Anarchisten?

Nein. Allenfalls war der individualistische Anarchismus graduell mehr ein Anarchismus der selbständigen Bauern und Handwerker als ein Anarchismus der Industriearbeiter – ohne Frage aber einer der arbeitenden Klasse. Und als solcher durch und durch eine Strömung des libertären Sozialismus, weshalb Benjamin Tucker völlig im Recht war, als er von seinen Reibereien mit kommunistischen Anarchisten wie Johann Most schrieb1, es habe niemals sozialistischer Anarchismus gegen individualistischen Anarchismus geheißen, sondern kommunistischer Sozialismus gegen individualistischen Sozialismus. Der individualistische Anarchismus enthielt zwar Ideen, die sich auch im Kapitalismus wiederfinden: Märkte, „Lohnarbeit“, „Eigentum“. Diese sind aber erstens nicht die entscheidenden Kriterien des Kapitalismus (die Ausbeutung von Arbeit, d. h. die Aneignung unbezahlter Arbeit durch Kapitalisten, ist das), zweitens sind Markt, „Lohnarbeit“, „Eigentum“ bei den Individualisten in einem nicht-kapitalistischen Kontext zu verstehen und möglicherweise nur schwer mit ihren gegenwärtigen Ausformungen im real existierenden Kapitalismus zu vergleichen. Darum Anführungszeichen. So viel Zeit muß sein.

Der historische Kontext des individualistischen Anarchismus ist das Nordamerika des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Während die Industrialisierung in Europa zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schon weit fortgeschritten war, befanden sich in den USA noch 80 % der Arbeiter in Besitz eigener Produktionsmittel und damit in weitgehender ökonomischer Unabhängigkeit. Als Benjamin Tucker 1880 die erste Ausgabe seines Magazins Liberty herausbrachte, war diese Zahl bereits auf ca. 33 % gesunken. In diesen Verhältnissen, parallel zur Ausbreitung des Kapitalismus und mit ihm Vernichtung der Autonomie von Bauern und Handwerkern, entwickelte sich der individualistische Anarchismus, und so ist es kaum verwunderlich, daß seine Schlüsse andere waren als die der anarchistischen Schulen, die zeitgleich in Europa entstanden.

Privateigentum und Lohnarbeit im individualistischen Anarchismus.

Der schwerstwiegende Vorwurf an die Individualisten besteht wohl darin, sie befürworteten das Privateigentum. Er ist zugleich der am einfachsten zu widerlegende.

Der individualistische Anarchismus gründete ebenso wie die sozialen Anarchismen – Mutualismus, Kollektivismus, Kommunismus – auf der Eigentumsanalyse Pierre-Joseph Proudhons. Und wie Proudhon selbst, der nur scheinbar widersprüchlich proklamierte: Eigentum ist Diebstahl, Eigentum ist Freiheit und Eigentum ist unmöglich, verwendete Tucker das Wort property in unterschiedlichen Bedeutungen. Einerseits im Sinne von Besitz, d. h. den Gegenständen unseres persönlichen Bedarfs, darunter auch Land und Produktionsmittel, die wir selbst bewohnen oder bewirtschaften. Andererseits im Sinne von Kapital: gewaltsam durchgesetzte legale Titel zur Extraktion von leistungslosem Einkommen, Tuckers Dreifaltigkeit des Wuchers2: Miete, Zins, Profit.3 Wie Proudhon und alle Anarchisten nach ihm, lehnte Tucker nur letzteres radikal ab:

Definiert man es mit Proudhon als die Summe rechtlichen Privilegs, das den Wohlhabenden gewährt wird, pflichtet Libertas Proudhon bei, daß Eigentum Diebstahl sei. Im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs aber, als individueller Besitz des Arbeiters am Produkt seiner Arbeit – oder dem anteiligen Anspruch am Produkt gemeinschaftlicher Arbeit – vertritt Libertas die Ansicht, daß Eigentum Freiheit ist.

Benjamin Tucker, Liberty, April 1888

Ein Eigentum an Land, das durch institutionelle Gewalt statt breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird, nennt Tucker Landmonopol, und dessen Ablehnung könnte man als die zentrale Säule immerhin der ökonomischen Seite des individualistischen Anarchismus bezeichnen. Ohne die Möglichkeit des Kapitalisten – hier konkret: Landmonopolisten –, Miete und Profit zu extrahieren, entfiele die charakteristische Eigenschaft des Privateigentums, Arbeit auszubeuten. In der Anarchie, faßt Dyer Lum die Auswirkungen solcher Occupancy-and-use-Eigentumskonventionen auf die Lohnarbeit zusammen, würden Arbeit und Kapital zu einem Ganzen verschmelzen; Kapital würde ohne Vorrechte und abhängig von Arbeit sein.4 Noch deutlicher wird Tucker selbst:

Wenn die Menschen, die Löhne […] ablehnen, fähig wären, ihre Gedanken und Gefühle zu analysieren, würden sie erkennen, daß nicht die Tatsache eigentlich ihren Zorn erregt, daß Arbeit gekauft und verkauft wird, sondern daß eine Klasse von Menschen davon abhängig ist, ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Arbeitskraft zu erwirtschaften, während eine andere Klasse durch legales Privileg von der Notwendigkeit zur Arbeit befreit ist […]. In dem Augenblick aber, in dem man Privileg beseitigt, wird die Klasse, die es derzeit genießt, zum Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft gezwungen sein, und dann, wenn Arbeit nur noch mit Arbeit bezahlt werden kann, wird der Unterschied zwischen Lohnzahlern und Lohnempfängern verschwunden sein […]. [Der Anarchismus] möchte nicht Arbeit um ihren Ertrag bringen; er möchte Kapital um seinen Ertrag bringen.

Benjamin Tucker, Liberty, April 1888

Dieses Verständnis von Eigentum und Wertschöpfung deckt sich freilich perfekt mit den anderen Strömungen des Anarchismus – auch dem breiteren Sozialismus, wenn selbst Marx schreibt, daß Produktions- und Lebensmittel, als Eigentum des unmittelbaren Produzenten zu Kapital nur würden unter Bedingungen, worin sie zugleich als Exploitations- und Beherrschungsmittel des Arbeiters dienen.5 Märkte und Lohnarbeit, wie individualistische Anarchisten sie befürworten oder wenigstens nicht grundsätzlich ablehnen, sind entsprechend nicht in einem kapitalistischen Kontext zu verstehen, sondern in einem von wenigstens theoretisch gleichen Chancen und wirtschaftlichen Bedingungen. Märkte und leistungsabhängige Entgelte bleiben natürlich aus einer Vielzahl anderer Gründe problematisch, und fast alle heutigen Anarchisten lehnen sie aus guten Gründen ab. In diesem Artikel reicht es aber völlig, das Folgende festzustellen:

Der individualistische Anarchismus, indem er sich Josiah Warrens embryonale Arbeitswerttheorie – Cost the Limit of Price – und Proudhons Eigentumsanalyse zum Fundament machte, indem er Ausbeutung von Arbeit durch Kapital anklagte und Mittel und Wege ersonn, sie zu beenden und eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Ausbeutung an ihre Stelle zu setzen, befindet sich ganz und gar in libertär sozialistischer Tradition. Wo und aus welcher Ecke auch immer etwas anders behauptet wird, ist Vorsicht geboten.

Ist anarchistischer Kommunismus „verpflichtend“?

Émile Armand formulierte die zentrale wirtschaftliche Forderung der individualistischen Anarchisten als: Volles, uneingeschränktes Recht für jeden Einzelnen und ebenso für jedes Mitglied einer organisierten Gemeinschaft, frei über das persönliche Eigentum zu verfügen, d. h. auch über die Nutzungsrechte und Entgelte, die er im Austausch für seine persönliche Arbeitsleistung erhält6. Dieses Rechts fürchteten viele Individualisten sich im Kommunismus beraubt, wähnten ihr Hab und Gut und das individuelle Produkt ihrer Arbeit zwingend unter sozialem Zugriff gestellt.

In einem kommunistischen Regime wäre man so wie derzeit dem Wohlwollen seiner Umwelt untergeordnet: man würde sich ebenso arm und elendig wiederfinden wie jetzt; statt unter der Fuchtel der kleinen kapitalistischen Minderheit der Gegenwart zu stehen, würde man vom wirtschaftlichen Kollektiv beherrscht. Nichts würde einem so recht gehören. Man würde ein Produzent und ein Verbraucher, ein bißchen vom Haufen nehmen und ein bißchen auf den Haufen geben, aber nie würde man autonom sein.

Émile Armand, Petit manuel anarchiste individualiste, 1911

Das beschreibt freilich ganz treffend den autoritären „Kommunismus“ der Leninisten – den lehnten aber nicht nur die individualistischen Anarchisten ab, sondern jeder Anarchist. Die kommunistischen Anarchisten vielleicht am vehementesten, da sie in ihm die grundlegenden Prinzipien und Ideale ihres eigenen freiheitlichen Kommunismus mit Füßen getreten sahen. Es ist tatsächlich schwierig, diese Kritik vieler Individualisten ernstzunehmen, denn zu keinem Zeitpunkt haben die kommunistischen Anarchisten Anlaß zu solchen Vermutungen geben. Sie haben im Gegenteil von Anfang an klargestellt, daß in der von ihnen erstrebten freien Gesellschaft jemand, der nicht kommunistisch leben wollte, dies selbstverständlich nicht müßte.

Kommunismus ist eine freie Vereinbarung. […] Jeder hat das Recht auf Land, auf Produktionsmittel und all die Annehmlichkeiten, derer Menschen sich in dem Zustand von Zivilisation erfreuen können, den die Menschheit erreicht hat. Wenn jemand das kommunistische Leben und die Verpflichtungen, die es mit sich bringt, nicht annehmen möchte, ist das seine Sache. Er wird mit Gleichgesinnten zu einer Übereinkunft kommen. […] [Sie] werden dieselben Rechte wie die Kommunisten haben über den natürlichen Wohlstand und die akkumulierten Güter früherer Generationen. […] Ich habe stets von freier Vereinbarung gesprochen, von freiem Kommunismus. Wie könnte es Freiheit geben ohne die Möglichkeit von Alternativen?

Errico Malatesta, At the Café

Pjotr Kropotkin, einer der Begründer des kommunistischen Anarchismus und sein wohl bedeutendster Theoretiker, erkannte sehrwohl die Bedeutung des Individuums für den libertären Kommunismus: Der anarchistische Kommunismus pflegt diese wertvollste aller Errungenschaften – individuelle Freiheit –, weitet sie aus und stellt sie auf eine solide Grundlage – wirtschaftliche Freiheit –, ohne welche jede politische Freiheit trügerisch ist. […] Keine Gesellschaft ist frei, solange das Individuum es nicht ist! Versucht nicht, die Gesellschaft zu verändern, indem ihr [dem Individuum] eine Autorität aufzwingt, die alles richten soll […]. Beseitigt die Bedingungen, die manchen erlauben, die Frucht der Arbeit anderer zu monopolisieren.7. Die kommunistischen Anarchisten sahen keineswegs einen Konflikt zwischen Kommunismus und Individualismus, sondern betrachteten individuelle Freiheit als Grundvoraussetzung für freien Kommunismus und freien Kommunismus andererseits als wirtschaftliches Fundament für vollendeten Individualismus.

Kropotkin stellte außerdem in Übereinstimmung mit Occupancy-and-Use-Konventionen immer wieder klar, daß Expropriation und revolutionäre Neuverteilung des gesellschaftlichen Wohlstandes sich nicht auf den persönlichen Besitz der Arbeiter erstrecken würden. Wir werden sorgsam darauf achten, nicht die Felder des Bauern anzutasten, die dieser selbst bestellt.8 Die Arbeiter würden sich nur aneignen, was ihnen nach sozialistischem Verständnis ohnehin schon gehört, d. h. Wohnraum sowie den Boden, die Maschinerie, kurz: das Kapital9. Revolutionäre Enteignung muß alles umfassen, was den Menschen – seien sie Financiers, Mühlenbesitzer oder Vermieter – erlaubt, sich das Produkt anderer Menschen Arbeit anzueignen10. Noch einen Tick deutlicher wird die Übereinstimmung des Eigentumsverständnisses der verschiedenen anarchistischen Strömungen bei Albert Parsons, wenn dieser den Tuckerschen Ausdruck occupancy and use gleich wörtlich gebraucht: Die Betriebe fallen in die Hände der Arbeiter, die Minen in die der Bergbauer, das Land und alle Dinge werden von denen kontrolliert, die sie besitzen und benutzen. Es wird, kann keinen Titel an etwas geben, der über Besitz und Bewirtschaftung hinausgeht.11

Der größte Teil dessen, was individualistische Anarchisten ihren kommunistischen Genossen vorwarfen, basierte auf Mißverständnissen und nackter Unkenntnis der Überzeugungen des Anderen. Wer den kommunistischen Anarchismus betrachtet, findet darin dieselbe Leidenschaft für individuelle Freiheit wie im individualistischen Anarchismus mit seinen teils unterschiedlichen wirtschaftlichen Schlüssen. Mit Sicherheit aber ist ihm nicht überzeugend der Vorwurf zu machen, er würde diesen anderen wirtschaftlichen Schlüssen keine praktische Ausformung neben sich erlauben. Das wäre etwas, das ihn tatsächlich – gänzlich außerhalb des Anarchismus stellen würde12.

Letzte Worte.

In Wirklichkeit sind die Kommunisten Kommunisten, weil sie im frei gewollten Kommunismus die konsequente Folge der Brüderlichkeit und die beste Garantie der individuellen Freiheit sehen. Und die Individualisten – das heißt die wirklich Anarchisten sind – sind antikommunistisch, weil sie befürchten, daß der Kommunismus die Menschen nominell dem Befehl des Kollektivs und in Wirklichkeit dem der Partei oder der Kaste unterwirft […]. Und daher wollen sie, daß jedes Individuum oder jede Gruppe frei die eigene Tätigkeit ausüben und frei und gleich mit den anderen Individuen und Gruppen, mit denen es gerechte und gleichberechtigte Beziehungen unterhält, die Früchte seiner Arbeit genießen kann.

Errico Malatesta, Individualismus und Kommunismus im Anarchismus, 1924

„Individualistischer Anarchismus“ und „sozialer Anarchismus“ entstanden in ähnlichen Milieus, teilen sich dieselben intellektuellen und sozialen Einflüsse und haben sich mit der Beendigung von Herrschaft und Ausbeutung durch Staat und Kapital dieselben politischen Ziele gesetzt. Sobald man sich über Inhalt und Terminologie der Strömungen klar geworden ist, sind grundlegende philosophische Unterschiede nur noch schwer auszumachen: leidenschaftlicher Individualismus findet sich im sozialen Anarchismus nicht weniger wieder als im individualistischen, und der individualistische Anarchismus ist nicht weniger an der Korrektur problematischer sozialer Umstände interessiert als der soziale – und nicht weniger als er eine Bewegung der Arbeiterklasse. Die tatsächlichen Unterschiede zwischen „individualistischem“ und „sozialem“ Anarchismus liegen in den Strategien zur Verwirklichung dieser Ziele – und diese Diskussion sollte unter Anarchisten stets eine offene und undogmatische sein.

Wenn „Anarcho“-Kapitalisten zentrale sozialistische Positionen des individualistischen Anarchismus wie Arbeitswerttheorie und Eigentumskritik zu nebensächlichen Marotten herunterreden und sich selbst in groteskter Verdrehung der Inhalte des individualistischen Anarchismus in dessen Tradition hineinphantasieren, muß das als der Aberwitz erkannt werden, der er ist. Wann immer jemand Individualismus als „bürgerliches“ Ideal verschmäht, muß er sich gleichsam fragen lassen, für wen, wenn nicht für das Individuum, wir Freiheit und Mündigkeit eigentlich wollen.

Nicht nur widersprechen sich die verschiedenen anarchistischen Entwürfe nicht, sie ließen sich in einer freien Gesellschaft kombinieren oder parallel zueinander realisieren. Selbst wo die Entwürfe kollidieren, muß der Anarchismus offen genug sein, um die Vertreter abweichender Ideen nicht aus der Bewegung zu exkommunizieren.