Lichtbringer

Max Stirner: Anarcho Erectus

Max Stirner ist eines dieser schmutzigen Familiengeheimnisse der libertären Tradition. Wenn sein Einfluß auf den Anarchismus einmal anerkannt werden muß, ist das meist verbunden mit viel Händeringen und halblauten Beteuerungen, der moderne Anarchismus sei ja über Derlei längst hinausgewachsen. Zum Teil liegt das sicher daran, daß Marxens und Engels’ Kritik an Stirner – eine Kritik, die sie mit derselben intellektuellen Unredlichkeit übten wie die an ihren libertären Widersachern Proudhon und Bakunin – selbst unter Anarchisten bekannter ist als Stirner selbst.

Gewiß, mit seinen radikalen Ideen von individueller Selbstbestimmung mag Stirner ein Vordenker von gewissem Gewicht gewesen sein, und sein Einfluß auf libertäre Denker und Denkerinnen wie Emma Goldman oder die individualistische Strömung insgesamt – Tucker, Mackay etc. – ist schwer zu leugnen – Stirner selbst aber Anarchist? Nein, nein. Viel zu egoistisch seine Denke. Und irgendwie sozialdarwinistisch, vermutlich.

Und, in der Tat, egoistisch war seine Denke: Stirners Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum (1845, im folgenden kurz der Einzige) begründete den philosophischen oder ethischen Egoismus, und läse man nur kurze Zusammenfassungen, müßte man wohl wirklich zu dem Schluß kommen, bei Stirner handele es sich um eine Art Ayn Rand mit sensationellen Koteletten. Die Hohepriesterin des Kapitalismus Ayn Rand vertrat eine Philosophie, die die Interessen des Individuums rücksichtslos über die Interessen „des Kollektivs“ stellte. Max Stirner – tat desgleichen. Unüberbrückbare Unterschiede zwischen den beiden tun sich aber auf, geht man über derart entstellende Verkürzungen hinaus.

Stirnerscher Egoismus: schrankenloser Sozialdarwinismus?

Möglich, aber unwahrscheinlich. Der Egoismus Stirners schließt soziales Verhalten, gegenseitige Hilfe, Fürsorge, Kooperation, Liebe jedenfalls nicht aus. Vielmehr ist der kompromißlose Individualismus Stirners die Voraussetzung dafür, daß ein solches soziales Miteinander bewußt und selbstverantwortlich geschieht: Nur echte Individualisten können selbstbestimmte Kollektivisten sein.1

Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber Ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glücklich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mir’s gefällt. Ich kenne kein „Gebot der Liebe“. Ich habe Mitgefühl mit jedem fühlenden Wesen, und ihre Qual quält, ihre Erquickung erquickt auch mich.

Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum.

Unter all den Dingen, die Stirner war, ist dies eines der am häufigsten Vernachlässigten: Dekonstrukteur der Sprache. Die Sprache oder ‚das Wort‘, schreibt er, tyrannisiert Uns am ärgsten, weil sie ein ganzes Heer von fixen Ideen gegen Uns aufführt.2 Die fixe Idee – der Spuk – ist für Stirner eine Idee, die den Menschen sich unterworfen hat, eine Glaubenswahrheit, an welcher man nicht zweifeln, […] an der man nicht rütteln3 soll, und ihrer Bezwingung galt Stirners ganze Energie. Er setzt starke, bereits zu seinen Schaffenszeiten negativ besetzte Wörter wie „Egoismus“, „Eigennutz“ ganz bewußt ein, um den Leser vor den Kopf zu stoßen. Daß wir vor einer Philosophie, die sich Egoismus nennt, zunächst zurückschrecken, lag sehrwohl in Stirners Absicht, und das mag durchaus für jeden ausgeschrieben Satz in seinem Hauptwerk gelten.

Stirner verlangt, daß wir hinterfragen, und um zu verstehen, was der Stirnersche Egoismus beinhaltet, müssen wir das Wort zuerst von all den „moralisch anstößigen“ Konnotationen befreien, die ihm seit jeher anlasten: Rücksichtslosigkeit, Isolation, Asozialität, Amoralität. In ihm selbst steckt nicht mehr als die Hoheit des Individuums über äußere Einflüsse, das bewußte Verfolgen der eigenen Bedürfnisse – und die müssen mitnichten zum Nachteil anderer sein.

Tatsächlich wäre der inkonsequente, widersprüchliche und am Ende selbstzerstörerische „Egoismus“ Ayn Rands, der nicht viel mehr als skrupelloses Profitstreben zum Inhalt hat, Stirner zuwider gewesen. Stirners Egoist weiß, daß wer beherrschende Strukturen schafft, sich in Strukturen begibt, die potentiell ihn beherrschen. Er braucht sich nicht mit mehr Besitz zu belasten als er wirklich benötigt und erkennt, daß die Herrschaft über andere seine eigene Unabhängigkeit zerstören würde.4 Der Egoist des allgemeinen Sprachgebrauchs ist für Stirner ein Mensch, der all die Freuden nicht kennt und schmeckt, die aus der Teilnahme an anderen, d. h. daraus entspringen, dass man auch andere ‚bedenkt‘, ein Mensch, der unzählige Genüsse entbehrte5. Kein wahrer Egoist, sondern – eine arme Natur6.

Indeß man hat sich nun einmal so seine Vorstellung vom Egoismus zurecht gemacht und denkt sich schlechtweg die „Isolirung“ darunter. Was in aller Welt hat aber der Egoismus mit der Isolirtheit zu schaffen? Werde Ich […] dadurch z. B. ein Egoist, daß Ich die Menschen fliehe? Ich isolire oder vereinsame Mich allerdings, aber egoistischer bin Ich dadurch nicht um ein Haar mehr, als Andere, die unter den Menschen bleiben und ihres Umgangs sich freuen. Isolire Ich Mich, so geschieht es, weil Ich in der Gesellschaft keinen Genuß mehr finde; bleibe Ich aber unter den Menschen, so bleibe Ich, weil sie Mir noch Vieles bieten. Das Bleiben ist nicht weniger egoistisch, als die Vereinsamung.

Max Stirner, Recensenten Stirners.

Repressive Institutionen finden, schreibt Markus Henning, nach Stirner ihre entscheidende Absicherung im entfremdeten Innenleben jedes einzelnen, sind überhaupt nur möglich, weil Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung charakterformend in die Tiefen der individuellen Persönlichkeitsstruktur eingewandert sind.7 Stirners Sprache ist eine Schocktherapie und ein Angriff auf die Ursachen solcher charakterlichen Verelendungen. Stirners Egoismus ist nicht asozial, kein Aufruf zu Isolation, Verbrechen und Schmarotzertum. Er ist ein Aufruf zur Selbstbefreiung von Spuks, von fremden Ideen, Bedürfnissen und Wertvorstellungen. Ein Appell, sich von äußeren Zielen und Idealen loszulösen und Platz für eigene zu schaffen. Diesen Zustand der Selbstbewußtheit und Mündigkeit nennt Stirner die Einzigheit.

Stirner und der Kapitalismus

Gelangen die Menschen dahin, dass sie den Respekt vor dem Eigentum verlieren, so wird jeder Eigentum haben, wie alle Sklaven freie Menschen werden, sobald sie den Herrn als Herrn nicht mehr achten.

Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum.

Iain McKay nannte Stirners Einzigen in der Anarchist FAQ einen weltanschaulichen Rorschach-Test: je nach Psyche des Rezipienten wird er zur Rechtfertigung für die unterschiedlichsten Dinge heranzgezogen. Und es ist tatsächlich ein leichtes, die Universalität und damit im weiteren Sinne Egalität des Stirnerschen Egoismus zu vernachlässigen, ganze Passagen aus dem Einzigen zu picken und die enthaltenen Ideen auf die Proklamation eines nackten Sozialdarwinismus zu reduzieren. Bei näherer Betrachtung unhaltbar – aber möglich.

Niemand kann aber, sollte man meinen, den Einzigen lesen und aus ihm so etwas wie eine Rechtfertigung des Kapitalismus mitnehmen.

Eine Handvoll „Anarcho“-Kapitalisten – dieselben in der Regel, die auch die individualistischen Anarchisten irrtümlich auf ihrer Seite wähnen – hat das nicht davon abgehalten, Stirner trotzdem für ihre vulgärindividualistische Privileg- und Eigentumsreligion zu vereinnahmen. Ein Kunststück, bedenkt man, daß Stirner nicht nur Kapital und Kapitalismus attackierte, sondern jeden ideologischen Grundpfeiler des Kapitalismus. Und keineswegs verhalten und zwischen den Zeilen, sondern ganz direkt und mit der ihm eigenen Unerbittlichkeit.

Stirner griff Eigentum, Staat, Kapital (ein sich verzinsender Besitz) und Lohnarbeit nicht nur an, er nahm auch eine weitreichende Analyse der Folgen solcher Institutionen auf das Individuum und die Gesellschaft insgesamt vor. Mit der befand er sich über weite Strecken in Übereinstimmung mit den libertären Sozialisten seiner Zeit. Tatsächlich griff er Proudhon – vermutlich der einzige Libertäre, der Stirner bekannt war – im Einzigen an, weil ihm dessen moralisierender Freiheitsbegriff im allgemeinen und seine Ablehnung des Eigentums im besonderen nicht weit genug gingen.

Das Eigentum – diese tragendste der Säulen des Kapitalismus – ist tatsächlich ein besonderes Haßobjekt Stirners. Manch „Anarcho“-Kapitalist ist womöglich nicht über den Titel des Buches hinausgekommen und unterliegt dem Irrtum, Stirner meinte mit „Eigentum“ etwas, das dem legalen Konstrukt im Zentrum seiner eigenen radikalliberalen Politreligion nahekommt, also sich auf unbenutzte Teile der Welt erstreckenden politischen Individualbesitz. Dieses Eigentum in Der Einzige und sein Eigentum heißt aber etwas viel Poetischeres: das Eigentum des Einzigen an sich selbst, seinen Ideen, den Faktoren seiner Individualität, seiner Einzigheit. „Eigentum“ ist für Stirner die praktische Rückgewinnung der dem Einzelnen entfremdeten Lebensrealität8. Wo es ihm tatsächlich um Eigentum im Sinne von Individualbesitz geht, stellt Stirner klar: Was ist also mein Eigentum? Nichts als was in meiner Gewalt ist!9 Das Eigentum im legalen, liberalistischen Sinne, „heiliges Eigentum“, begriff er als bloße Fiktion, als einen Spuk, und erklärte:

Von deinem und eurem Eigentum trete Ich nicht scheu zurück, sondern sehe es stets als mein Eigentum an, woran Ich nichts zu „respektieren“ brauche. Tuet doch desgleichen mit dem, was Ihr mein Eigentum nennt!10

Stirner war Gegner jedes Eigentums, das sich durch Privileg behauptete, welches meines wird durch Recht. Den Staat nannte er beim Namen, aber seine Vorstellungen vom Staat, diesem ‚Bürgerkönigtum‘, [dieser] feindliche[n] Macht11, sowie seine vernichtende Kritik an ihm als Wahrerin von Privileg und Klassenhierarchie, ließen sich ohne weiteres übertragen auf die totalitären Geflechte von Versicherungskonzernen und Privatarmeen, mit denen „Anarcho“-Kapitalisten den Rechtsstaat ersetzen wollen.

Stirner erkannte richtig, daß privates Eigentum nicht ohne Staat zu haben ist, sogar, daß Eigentum der Grund ist, aus dem der Staat so breit vor allem im Bürgertum getragen wird. Die Lohnarbeit, jene logische Konsequenz legalen Eigentums, verabscheute er als ausbeuterisch und Mörderin der Individualität, sah ihre Opfer als Sklaven und um die Menschwerdung gebracht12. Er befand höchst sozialistisch: Es kann der Arbeiter seine Arbeit nicht verwerten nach dem Masse des Wertes, welchen sie für den Geniessenden hat.13 Die Auflehnung der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter, der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker, zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch den Einzigen, und in Vorausnahme des revolutionären Syndikalismus schreibt Stirner z. B.:

Die Arbeiter haben die ungeheuerste Macht in den Händen, und wenn sie ihrer einmal recht inne würden und sie gebrauchten, so widerstände ihnen nichts: sie dürften nur die Arbeit einstellen und das Gearbeitete als das Ihrige ansehen und geniessen.14

Stirner mißbilligte stupides Streben nach Profit: ein einseitiger, unaufgeschlossener, bornierter Egoismus: […] Besessenheit15. Er kritisierte Kapitalisten im selben Atemzug wie den Staat wegen ihrer diktatorischen Ansprüche über Teile der Welt, ist der Einzige doch Herr über sich selbst, ganz gleich, wo er steht. Stirner kritisierte das private Eigentum wegen der Ungleichheit der Chancen, die es mit sich bringt, sah die Lösung der Armut im Ende des Eigentums.

Die Versuche von Apologeten des Kapitalismus, Stirner für sich einzuspannen, mögen angesichts all dessen zwar von einem gewissen Sportsgeist beseelt sein – besonders standhaft sind sie nicht.

Stirner und der Sozialismus

Max Stirner war nie vergesen, wurde aber meist mißverstanden, zu seiner Zeit und seitem. Für mich gehört er keineswegs dem engen Individualismus an, der nur Individualist sein will und dadurch vom Bourgeois oder Tyrannen nicht zu scheiden ist, sondern er begründete jenen breiten, echten Individualismus, der die Grundlage jedes freiheitlichen Sozialismus ist, die Selbstbestimmung eines jeden über die Beziehungen, in die er mit anderen zu treten wünscht: diese können mutualistisch oder kommunistisch sein, eng oder entfernter, kurz oder lang usw. […] Daß der Einzelne hierüber aus eigenem Wissen und eigener Kraft entscheide, das hat Stirner gewünscht, und dazu suchte er ihn aus den Fesseln und Netzen der Autoriät zu befreien.

Max Nettlau, Geschichte der Anarchie I.

Die Gegnerschaft zu kapitalistischen Organisationsformen macht Stirner freilich noch nicht zu einem Sozialisten, und es ließe sich einwenden, daß Stirner weite Teile des Einzigen darauf verwendete, gegen Sozialismus und Kommunismus zu poltern. Er tat das.

Und zu recht!

Der libertäre Sozialismus – der radikal dezentrale, antiautoritäre Sozialismus der Anarchisten – steckte zu Stirners Zeiten noch in den Kinderschuhen. Zwischen der Veröffentlichung des Einzigen und Bakunins Ausformulierung des kollektivistischen Anarchismus (aus dem sowohl Anarchosyndikalismus als auch libertärer Kommunismus hervorgingen) lagen Jahrzehnte. Proudhon dürfte der einzige nennenswerte Vertreter des Anarchismus gewesen sein, der Stirner bekannt gewesen ist, und jenen griff er im Einzigen an, weil ihm, letzten Endes, dessen „kleinbürgerlicher Sozialismus“ nicht sozialistisch genug war.

Kurz: was Stirner zum Sozialismus zu sagen hatte, ist im Zusammenhang mit „unserem“ Sozialismus schlicht unerheblich, denn er meinte einen anderen. Er griff den autoritären Sozialismus an, den er kannte – Anarchisten tun das seither mit derselben Rigororsität und oft denselben Argumenten (wofür nicht wenige in den Gulags und Massengräbern derer landeten, deren Welt- und Menschenbegriff Stirner da bestürmte).

Der Verein der Egoisten

Viel interessanter für uns ist, wie Stirner sich die, wenn man will, „egoistische Gesellschaft“ vorstellte. Stirner hatte freilich kein politisches Programm, keine Blaupause für den Aufbau einer freien Gesellschaft: Was ein Sklave tun wird, sobald er die Fesseln zerbrochen, das muss man – erwarten.16 Er hat aber Ideen hinterlassen, aus denen wir etwas über seine persönlichen Vorstellungen herauszulesen versuchen können. Insbesondere in Gestalt seines Vereins der Egoisten – dem Waffenstillstand im Krieg aller gegen alle und Stirners embryonaler Gegenentwurf zum Staat.

Dieser Verein ist keine rechtliche Institution, versteht sich, sondern Verein im Sinne bewußter Vereinigung. Ein loser, nicht-systemischer Verbund von Gleichberechtigten, in dem sich bewußte Egoisten nach den Grundsätzen der freien Vereinbarung und der spontanen Kooperation zusammenfinden, um ihre Kräfte zu multiplizieren und gemeinsame Anliegen zu verfolgen – und nur solange [diese Vereinigung] meine vervielfachte Kraft ist, behalte Ich sie bei17. Im Mittelpunkt dieses Vereins steht erwartungsgemäß kein „Allgemeinwohl“, keine „gute Sache“ oder sonstige fixe Idee, sondern stets das egoistische Interesse seiner Mitglieder. Als Beispiele für solche zwanglosen, spontanen Vereine zum egoistischen Nutzen aller nannte Stirner in seiner Replik auf Moses Hess zum Beispiel Liebende, die sich egoistisch vereinen, um an einander Genuß zu haben18 – oder, vielleicht am treffendsten: Kinder, die sich zum Spielen zusammenfinden.

Vielleicht begegnet [Hess] ein Paar guten Bekannten auf der Straße und wird aufgefordert, sie in ein Weinhaus zu begleiten; geht er etwa mit, um ihnen einen Liebesdienst zu erweisen, oder „vereint“ er sich mit ihnen, weil er sich Genuß davon verspricht? Haben sie sich wegen der „Aufopferung“ schönstens bei ihm zu bedanken, oder wissen sie’s, daß sie zusammen auf ein Stündchen einen „egoistischen Verein“ bildeten?

Max Stirner, Recensenten Stirners.

Das muß freilich nicht auf gar so informelle Begegnungen beschränkt sein. Stirners im Verein der Egoisten geronnene Vorstellung von heterarchen sozialen Beziehungen ließe sich auf alles Erdenkliche vom Schach-Club bis zur Güterproduktion übertragen. Beziehungen wie die zwischen Arbeiter und Kapitalist in der Lohnarbeit sind aber grundsätzlich ausgeschlossen: Wäre völlige Gleichberechtigung nicht gegeben, d. h. könnten einzelne Mitglieder sich nicht im vollen Umfang ihrer Einzigheit einbringen, sich den Verein nicht „zum Eigentum“ machen, hörten sie auf, Egoisten zu sein – und der Verein damit, Verein zu sein.

Ist aber ein Verein, in welchem sich die Meisten um ihre natürlichsten und offenbarsten Interessen prellen lassen, ein Verein von Egoisten? Haben sich da „Egoisten“ vereint, wo Einer des Andern Sklave oder Leibeigener ist? […] in denen z. B. die Einen das Bedürfniß der Ruhe dadurch befriedigen können, daß die Andern bis zur Erschlaffung arbeiten müssen, oder ein Wohlleben dadurch führen, daß Andere kümmerlich leben, ja wohl gar verhungern; oder prassen, weil Andere so thöricht sind zu darben usw.

Max Stirner, Recensenten Stirners.

Stirner trennt von seinem Verein scharf alles ab, was er unter Gesellschaft subsummiert. Letztere unterscheidet vom Verein, daß sie keinen Verkehr, keine Gegenseitigkeit bedingt, anders als der Verein keine bewußte Vereinigung der Individuen voraussetzt und mithin dazu neigt, die Einzigheit ihrer Mitglieder unter eine fixe Idee zu stellen – oft verkörpert in der Gesellschaft selbst. [D]er Verein ist für Dich und durch Dich da, die Gesellschaft nimmt umgekehrt Dich für sich in Anspruch und ist auch ohne Dich; kurz die Gesellschaft ist heilig, der Verein dein eigen: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du.19 In kapitalistischen Produktionsbeziehungen sind freilich weder Gleichberechtigung noch die für den Verein so fundamental wichtige Freiwilligkeit gegeben.

Stirners Verein der Egoisten mit seinen Prinzipien von freier Vereinbarung und Kooperation unter Gleichgestellten erinnert nicht nur oberflächlich an den anarcho-kommunistischen Föderalismus, wie er Jahrzehnte nach Stirner entwickelt wurde. Der Verein der Egoisten auf die Wirtschaft übertragen hieße beinahe zwangsläufig libertärer Sozialismus.

Stirner im real existierenden Anarchismus

Stirners Einfluß auf den Anarchismus war tatsächlich immer gering, zunächst sogar gleich Null. Proudhon, des Deutschen unkundig, war vermutlich überhaupt nicht mit Stirner bekannt. Bakunin erwähnte ihn einmal, und das beiläufig und mit wenig Liebe. Kropotkin vermied es jahrzehntelang, sich zu Stirner zu äußern, und als er es letztlich, dazu gedrängt, tat, da mit für den ansonsten so milden Mann bemerkenswertem Furor.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Stirner von den individualistischen Anarchisten wiederentdeckt. In den Vereinigten Staaten ist vor allem der als Begründer des individualistischen Anarchismus geltende Benjamin Tucker zu nennen, der seine anfangs naturrechtlich geprägten Ideen von Stirner beeinflussen ließ. Diese Hinwendung zum Egoismus wirkte sich auf Autorenschaft und Inhalt von Tuckers einflußreichem Periodikum Liberty aus und befeuerte sowohl strömungsinterne Reibereien als auch die andauernden ideologischen Streitigkeiten zwischen individualistischen und kommunistischen Anarchisten – und trug entscheidend zum Niedergang des individualistischen Anarchismus bei.

In Europa war maßgeblich der schottisch-stämmige Deutsche John Henry Mackay für das Wiederaufleben des Stirnerschen Egoismus verantwortlich. Wenn er nicht mit eigener Stirner-inspirierter Literatur den individualistischen Anarchismus Tuckerscher Prägung weitersponn, verdingte sich Mackay u. a. als Übersetzer, Biograph und Herausgeber Stirners. Langjähriger Freund Mackays und gleichermaßen von Stirner inspiriert war Adolf Brand, Mitbegründer der zweifelhaften Gemeinschaft der Eigenen, die sich unter anderem für die „Knabenliebe“ einsetzte, sowie Herausgeber von Der Eigene, der weltweit ersten regelmäßig erscheinenden (1896–1932) Homosexuellen-Zeitschrift. In Rußland war der Kopf der Schwarzen Garde Lew Tschorny prominentester Vertreter egoistischer Ideen; der Franzose und Tuckersche Individualist Émile Armand interpretierte den Verein der Egoisten u. a. im Sinne seiner Vision von freier Liebe.

Es dauerte ein bißchen länger, bis die kommunistischen Anarchisten sich für Stirner erwärmt hatten.

Moderne Kommunisten sagen nicht, das Individuum solle dieses oder jenes im Namen der Gesellschaft tun. Sie sagen: „Die Freiheit und Eigenheit des Individuums erfordern, daß die wirtschaftlichen Bedingungen – Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands – so und so um seinetwillen organisiert sind.“ […] Der Kommunismus schafft so eine Grundlage für die Freiheit und Eigenheit des Individuums. Ich bin Kommunist, weil ich Individualist bin.

Max Baginski, Stirner: The Ego and His Own.

Die libertären Kommunisten der ersten Stunde wie Gustav Landauer begegneten Stirner zwar mit anfänglicher Begeisterung, wußten seinen Egoismus aber nicht in Einklang mit ihren sozialen Ideen zu bringen. Max Nettlau, selbst kommunistischer Anarchist und wohl bedeutendster Historiker des Anarchismus seiner Zeit, war einer der ersten, die aus Stirner die Formulierung eines freiheitlichen Sozialismus herauslasen, der sich mit den Forderungen des entwickelten Anarchismus erstaunlich weit deckte. Eine Position, der sich u. a. Emma Goldman anschloß, die als eine der Ersten ganz direkt Kropotkins libertären Kommunismus mit Stirner fusionierte. Im Vorwort zu Anarchismus und andere Essays bedauert sie die oberflächliche und selektive Rezeption, die Stirner unter ihren Zeitgenossen zuteil wurde: Es ist diese engstirnige Haltung, die in Max Stirner nur den Apostel der Theorie ‚jeder für sich selbst, den Letzten beißen die Hunde‘ sieht. Daß Stirners Individualismus die größten sozialen Möglichkeiten enthält, wird völlig ignoriert.

In Glasgow bildete sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine einflußreiche Gruppe von Anarchosyndikalisten, die den Verein der Egoisten (Union of Egoists) wörtlich als Aufruf zur Bildung der Einen Großen Gewerkschaft (One Big Union) verstand. Die situationistische Gruppe For Ourselves veröffentlichte 1974 die Schrift The Right to be Greedy, in der sie Stirner mit Marx verschmolz und einen kommunistischen Egoismus proklamierte: Der Blickwinkel des kommunistischen Egoismus ist der Blickwinkel eines Eigennutzes, der nichts so sehr begehrt wie andere Ichs, eines Egoismus, dem es nach nichts so sehr wie nach anderen Egos verlangt, dieser Gier, die begierig ist, zu lieben – Liebe als vollständige Inbesitznahme des Menschen durch den Menschen.

Fazit

War Max Stirner also Anarchist? Das hängt davon ab, was wir darunter verstehen.

War Stirner Teil der libertären Arbeiterbewegung? Gewiß nicht. Stirner starb fast zehn Jahre vor der Ersten Internationalen, und hätte er noch gelebt, er hätte wohl nicht viel mehr als Spott für ihre Mitglieder übrig gehabt. War Stirner Teil des „kodifizierten“ Anarchismus, wie er seit Proudhons Analyse des Eigentums logisch in mal eher „individualistische“, mal in eher „soziale“ Richtungen weitergedacht wurde? Jein – Stirner war in vielerlei Hinsicht libertärer als Proudhon und dessen philosophische Erben, hätte aber für die meisten von ihnen ebenso nur Spott übrig gehabt – für die Handvoll Stirnerianer unter ihnen gewiß am meisten.

War Stirner fundamentalst denkbarer Kritiker autoritärer Institutionen, stritt er mit feuriger Inbrunst gegen Staat, Eigentum, Religion, Privileg, Nationalismus, „Volkswohl“ und all die anderen fixen Ideen, die uns in der Erfüllung unseres vollen Potentials im Wege stehen? Ohne Frage.

Stirner machte das Individuum zum Maß aller Dinge und entwickelte von dort aus ein Freiheitskonzept, das schon wegen seiner Geradlinigkeit und schieren Rigorosität unsere Beachtung verdient. Wenn sonst nichts, ist Stirner ein willkommener Gegenpol zur Überbetonung des kollektiven Elements im modernen Anarchismus. Und ein vorzüglicher Ausgangspunkt, von dem aus sich neue, eigene Anarchismusvorstellungen entwerfen lassen. Das wäre wohl auch, was am ehesten im Sinne Stirners wäre.